Dr. Attila Molnar
Im Vorstand der Bayer AG zuständig für Umweltschutz und Sicherheit

Vor 100 Jahren wurde bei Bayer eine der ersten industriellen Umweltschutzinstitutionen ins Leben gerufen. Blick zurück mit Stolz?
Natürlich sind wir stolz auf diese lange Tradition und darauf, zu den Pionieren des Umweltschutzes zu gehören. Doch auch in den folgenden Jahrzehnten haben wir immer wieder neue Meilensteine gesetzt - mit wegweisenden technologischen Entwicklungen, von denen einige heute weltweit Standard sind. Im Vordergrund unserer Umweltschutzbemühungen standen zu Beginn Konzepte, die darauf abzielten, unerwünschte Einflüsse auf Mensch und Umwelt zu vermeiden, zumindest aber zu vermindern, indem wir am Ende der Produktionskette Schadstoffe aus der Luft und dem Abwasser holen oder Abfälle sachgerecht entsorgen. Für den Bau und Betrieb der dafür erforderlichen Anlagen haben wir in den vergangenen zehn Jahren mehr als 12,5 Milliarden Euro ausgegeben. Für die nächsten fünf Jahre sind weitere sechs Milliarden Euro vorgesehen. Umgerechnet geben wir jeden Tag rund 3,5 Millionen Euro aus, um weltweit Umweltschutzeinrichtungen zu bauen und zu betreiben. Unter Beibehaltung der notwendigen Wirtschaftlichkeit sind weitere Verbesserungen bei diesem additiven Umweltschutz kaum oder gar nicht zu erreichen.

Wie wollen Sie dann weitere Fortschritte erzielen?
Unser Augenmerk richtet sich schon seit längerem auf den so genannten produktionsintegrierten Umweltschutz. Dabei konzentrieren wir uns auf die Produktionsprozesse selbst, in die wir Umweltschutz und Sicherheit von vornherein mit "einbauen". Unsere Forscher und Verfahrenstechniker haben die klare Vorgabe, Produktionsverfahren so zu entwickeln, dass der Anfall an unerwünschten Nebenprodukten minimiert, im Idealfall sogar ganz vermieden werden kann. Wenn dennoch in bestimmten Prozessen Abfallstoffe unvermeidlich sind, sollen sie nach Möglichkeit rezykliert werden können. Diese Strategie trägt bereits Früchte: Obwohl die Menge unserer Verkaufsprodukte seit 1990 um mehr als die Hälfte angestiegen ist, haben wir wichtige Parameter im Bereich der Emissionen erheblich senken und zugleich unsere Ressourcen-Produktivität steigern können.

Dennoch: Der technische Umweltschutz ist für uns nur noch ein Teilaspekt unserer Bemühungen zur Verbesserung der Umwelt. Dazu gehört längst weit mehr!

Und zwar was?
Wenn wir heute über Umweltschutz sprechen, dann sehen wir dies vor dem Hintergrund eines sozio-ökonomischen Kontextes, den man mit Fug und Recht als Leitbild des 21. Jahrhunderts bezeichnen kann. Das Stichwort heißt: "Sustainable Development", also Nachhaltiges Wirtschaften. Es gibt viele Wege, dieses anspruchsvolle Leitbild mit Leben zu erfüllen. Unser Weg, den wir im Konsens mit der chemischen Industrie in aller Welt verfolgen, heißt Responsible Care - zu Deutsch: Verantwortliches Handeln. Dies ist eine Selbstverpflichtung der Branche zur ständigen Verbesserung in den Bereichen Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz - in Teilen weit über die gesetzlichen Auflagen hinausgehend.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Unternehmen in der Vergangenheit unverantwortlich gehandelt haben?
Natürlich nicht! Aber wir haben unsere Ziele noch klarer umrissen und unser Handeln noch transparenter und für die Öffentlichkeit nachvollziehbarer und überprüfbarer gemacht - zum Beispiel durch die Offenlegung aller Emissionsdaten und die Festschreibung unserer Ziele, an deren Erreichung wir uns auch messen lassen.

Denn wir haben die Verantwortung, nachhaltig zu wirtschaften und mit unseren Produkten eine hohe Rendite zu erzielen. Wir tragen außerdem die Verantwortung dafür, dass bei der Herstellung unserer Produkte möglichst wenig natürliche Ressourcen verbraucht werden und sie selbst die Umwelt möglichst wenig belasten. Und wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern, gegenüber unseren Nachbarn, gegenüber unseren Share- und Stakeholdern, letztendlich also gegenüber der Gesellschaft.

Stichwort: Gesellschaft. Wie werden Sie Ihrer Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit gerecht?
Zum einen, indem wir umweltfreundliche Produkte von möglichst hohem Nutzen herstellen. Zum anderen, indem wir aktiv an der Zukunftsgestaltung der Gesellschaft mitarbeiten. Das tun wir beispielsweise durch unsere aktive Mitarbeit in der "Global-Compact-Initiative" der Vereinten Nationen, die in allen Ländern der Erde für eine nachhaltige Entwicklung, für die Einhaltung der Menschenrechte und für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Sozialstandards eintreten will.

Zu unserer gesellschaftlichen Verantwortung gehört es auch, der Politik in den Bereichen beratend zur Seite zu stehen, in denen wir die Kompetenz haben. So haben wir beispielsweise über die europäischen Verbände der Chemischen Industrie bei der Ausgestaltung des neuen europäischen Chemikalienrechts unsere Vorstellungen geäußert und eigene Vorschläge gemacht. In dem im Juni vom EU-Umweltministerrat bestätigten Weißbuch zur Chemikalienpolitik ist einiges davon ansatzweise berücksichtigt worden. Andererseits mussten wir mit Bedauern feststellen, dass eine Vielzahl unserer Hinweise unbeachtet geblieben ist. Sollte die Gesetzesinitiative so verabschiedet werden, hätten wir bei vielen Chemikalien die Beweislast für die Ungefährlichkeit dieser Stoffe, die schon seit Jahrzehnten problemlos eingesetzt werden. Es würde ein teures, administrativ überfrachtetes System geschaffen, welches Datenfriedhöfe produziert und das Ziel, die Sicherheit der Konsumenten zu verbessern, nicht erfüllt. Die hohen Kosten der dazu erforderlichen Untersuchungen würden aber gerade für uns, die wir einen hohen Anteil von Spezial- und Basischemikalien in unserem Produktsortiment haben, zu einem eindeutigen Wettbewerbsnachteil.

Dass Stoffe mit einem unkalkulierbaren Risiko aus dem Verkehr gezogen werden, ist natürlich in unserem Interesse. Deshalb stehen wir auch zu dem Beschluss von Stockholm vom Mai 2001, zwölf Chemikalien weltweit zu verbieten. Bayer hat nur einen dieser Stoffe bzw. Stoffgruppen hergestellt: PCB, also die polychlorierten Biphenyle. Deren Produktion haben wir aber schon 1983 aus Eigenverantwortung eingestellt. Heute helfen wir Unternehmen, die PCB eingesetzt haben, bei der sachgerechten Entsorgung dieser Chemikalien.

Können Sie weitere Beispiele nennen?
Wir haben vor vielen Jahren die damals übliche Praxis der Entsorgung von Dünnsäure auf hoher See beendet, lange bevor gesetzliche Regelungen erlassen wurden. Gegenwärtig arbeiten wir intensiv an der Reduzierung unserer CO2-Emissionen. Wir werden die von der Politik vorgegebenen Werte nicht nur erheblich unterschreiten, sondern das Ziel auch zehn Jahre früher als vorgegeben erreichen. Das verstehen wir unter verantwortlichem Handeln.

Aber dazu gehören auch sozialpolitische Aktivitäten. Ein herausragendes Beispiel ist die Initiative "Making Science Make Sense" unserer amerikanischen Tochtergesellschaft Bayer Corporation. Ihr Ziel ist es, Kindern Wissenschaft näher zu bringen und verständlich zu machen. Dieses gesellschaftliche Engagement wurde im Jahre 2000 vom amerikanischen Präsidenten mit dem "President's Service Award" ausgezeichnet.

Hier schließt sich der Kreis. Ich hatte zu Beginn davon gesprochen, dass Umweltschutz heute vor dem Hintergrund eines sozio-ökonomischen Kontextes gesehen werden muss. Und deshalb ist nachhaltiges Wirtschaften mit verantwortlichem ökonomischem, ökologischem und gesellschaftlichem Handeln in der Tat für uns das Leitbild des 21. Jahrhunderts.

 


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